Zeitachse
Die folgende Chronologie dokumentiert den unaufhaltsamen Prozess der rheinischen Nivellierung von der ersten Vision bis zum aktuellen Logistikstatus. Es handelt sich um ein beglaubigtes Dossier über den Triumph des Willens über die störrische Geologie des Siebengebirges.
Verfolgen Sie hier lückenlos, wie wir den Stillstand besiegen. Lesen Sie aufmerksam, denn Unwissenheit schützt nicht vor der Schaufel!
Beim Firmenausflug des Melkiperiums fallen die Blicke auf das Siebengebirge.
Was sie sehen: Verfallene Wege. Gesperrte Aussichtspunkte. Ein Drachenfels ohne Drachen aber mit 4,80 € für einen Kaffee. Alles wirkt müde, staubig, totgeliebt.
Und plötzlich ist da ein Gedanke, klar wie nie: Das Siebengebirge muss sich verändern!
Auf einem Bierdeckel entstehen die ersten Zeichnungen. Was als Kritzelei beginnt, wird bald zur Blaupause eines neuen Zeitalters.
Kritzeln wird zu CAD. Der erste Entwurf wird belächelt, doch die Idee lebt und wächst.
Ein Versuch, das Siebengebirge einfach umzubenennen, scheitert am Widerstand der UNESCO.
Doch der eigentliche Feind sitzt lokaler: Souvenirhändler, Cafébesitzer, die Eselmafia, und eine Politik, die sich weigert, Visionen freizugeben. Alle verdienen am Stillstand und bekämpfen den Fortschritt.
Bei einem Familienfest in Wanne-Eickel wird zwischen Kartoffelsalat und Kognak über die Borniertheit der UNESCO, die Gier der ortsansässigen Geschäfte und den kläglichen Zustand des Siebengebirges gelästert. Dann geschieht das Unfassbare:
Die reiche Tante aus Dubai – gelangweilt vom Luxus – beschließt, ihrem Lieblingsneffen eine Kleinigkeit zu schenken: alles Land, das man für acht majestätische Hügel braucht.
Der sizilianische Onkel, seit Jahrzehnten mit der Baubranche verdrahtet, nickt nur und sagt: „Ich kenn da wen.“ So wurde der Plan geboren, der alles verändern sollte.
Ein YouTube-Video mit 24p-Auflösung eines selbstgebauten Sandkegels überzeugt. Als wenig später ein stadtbekannter Kölner Architekt im Suff äußert, „dass das schon halten wird“, gilt die Machbarkeit offiziell als bestätigt. Fortan zählt kein Zweifel mehr nur noch Kubikmeter. Acht ist die neue Sieben!
Nach Monaten im Denkraum (5 m², 800 m unter Normalhöhennull (NHN), Kirgisistan) fällt die Entscheidung: Jeder der acht Berge erhält einen Namen, eine Funktion und ein eigenes Narrativ. Der Prozess ist chaotisch, diskutiert wird alles: Von Hangneigung bis Frittenbuden-Verteilung. Der Wahnsinn hat endlich Struktur.
Auf einem Minecraft-Server entsteht das Achtgebirge in Originalgröße. Der Server stürzt mehrfach ab wegen schierer Masse, doch das Entwickler-Team bleibt dran. Am Ende steht ein begehbares 1:1-Modell, das durch eine VR-Brille bestaunt werden kann. Die digitale Welt ist bereit. Die echte zieht nach!
Ein Sandkasten im Blücherpark (Köln, Neuehrenfeld) wird probeweise ausgehoben. Der Sand riecht gut, das Team wertet dies als ein positives Zeichen. Die erste Schaufel ist feierlich, der zweite Spatenstich muss wegen Anwohnerprotesten und schlechten Wetterbedingungen vertagt werden.
Ein Frachter aus Katar bringt die erste offizielle Sandladung, doch am Zoll gibt es Probleme: „Was wollen Sie mit 400.000 Tonnen Sand?“ Die Antwort: „Eine bessere Welt.“ Der Zollbeamte verweigert die Weiterfahrt und das Schiff muss einen anderen Hafen anfahren. Wir entscheiden uns für Port of Nin (Kroatien). Kein Tiefwasserzugang, keine Kräne, kaum größer als ein durchschnittlicher Parkplatz, das spart Geld und lästige Fragen.
Katastrophe in Kroatien: Der Hafen von Nin ist unter 400.000 Tonnen Wüstensand kollabiert. Die örtlichen Fischer drohen mit Mistgabeln, weil ihre Boote auf einer Düne feststecken, die gestern noch das Hafenbecken war.
Der sizilianische Onkel übernimmt das Kommando: „Schiffe sind zu auffällig. Wir nehmen den Landweg. Über die Alpen. Jetzt.“
Er aktiviert ein „logistisches Schläfernetzwerk“: 15.000 ausgemusterte Fiat Ducatos (Baujahr 94, alle ohne TÜV) und eine Kolonne klappriger Reisebusse, deren Sitze hastig herausgerissen wurden, machen sich auf den Weg nach Süden.
Um den strengen Zoll am Brenner zu täuschen, wird die Fracht in den Papieren kurzerhand umdeklariert. Statt Wüstensand transportieren wir nun offiziell: „Bio-Streugut für norddeutsche Weihnachtsmärkte".
Die Alpenüberquerung wird zum Fiasko: Bei minus 15 Grad gefriert der feuchte Sand in den unzureichend isolierten Transportern zu betonharten Blöcken. 12.000 Ducatos bleiben mit Achsbruch oder geplatzten Reifen in Tirol liegen; die österreichische Bergwacht ruft den nationalen Notstand aus.
Doch das Wunder geschieht: Am 24. Dezember um 23:59 Uhr rollt der erste, völlig vereiste Bus auf den Hof in Köln-Ehrenfeld. Der Fahrer, ein Mann, der seit 48 Stunden nur Espresso und Zigaretten konsumiert hat, kippt aus der Tür und murmelt: „Buon Natale. Nie wieder Brenner.“
Wir werten die Aktion als vollen logistischen Erfolg. Die ersten 3,5 Tonnen sind da. Fehlen nur noch 119.999.996,5.
Im Zuge der Jahresabschlussplanung wird versucht, sämtliche offenen Punkte „noch schnell nach den Feiertagen zu klären“, doch stattdessen entstehen innerhalb von zwei Tagen 17 neue Unterausschüsse, die unabhängig voneinander neue Regelwerke, Listen und Skizzen einreichen.
Am 03. Januar wird ein provisorischer Jahresabschlussbericht erstellt. Er umfasst 294 Seiten, enthält jedoch keine einzige Entscheidung.
Das Achtgebirge existiert weiterhin in Plänen, Köpfen und Diskussionen. Und das sehr stabil.
Nach dreimonatiger Prüfung bestätigt der Unterausschuss für Mengenwahrheit eine erste, vorsichtige Vermutung: Die bisher gelieferten 3,5 Tonnen Sand reichen möglicherweise nicht aus.
Die weitere Sandbeschaffung wird deshalb vorläufig ausgesetzt. Stattdessen soll geprüft werden, ob sich das benötigte Material nicht einfach irgendwo innerhalb Deutschlands ausgraben lässt.
Der sizilianische Onkel legt noch am selben Abend eine Karte auf den Tisch, zieht mit dem Zollstock eine Linie quer durch das Land und sagt:
„Wenn wir da graben, haben wir hier Berge.“
Erstmals fällt der Begriff Bayerndamm.
Aus einer einfachen Materialbeschaffungsmaßnahme wird innerhalb von nur zwölf Wochen das größte Infrastrukturprojekt Europas.
Der geplante Bayerndamm soll rund 920 Kilometer lang, überwiegend 50 bis 80 Meter hoch und an ausgewählten Stellen bis zu 120 Meter mächtig werden. Auf der 60 Meter breiten Krone entstehen eine achtspurige Transitautobahn, ein Highspeed-Radweg sowie mehrere Flächen, deren spätere Nutzung noch durch Pfeile gekennzeichnet ist.
Die sonnenzugewandte Nordseite wird vollständig mit Photovoltaik ausgestattet. Das bei den Fundamentarbeiten anfallende Erdreich soll direkt ins Achtgebirge transportiert werden. Damit wäre die Sandkrise endgültig gelöst.
Doch das Vorhaben besitzt einen weiteren, kaum bezifferbaren gesellschaftlichen Nutzen:
Bayern wird vollständig vom Rest der Republik isoliert.
Hinter dem Damm kann der Freistaat künftig ungestört seine eigene Realität betreiben, Markus-Söder-Porträts in Amtsstuben aufhängen, sich gegenseitig Orden verleihen und weiterhin behaupten, Lederhosen seien normale Kleidung.
Ein direkter Sichtkontakt mit dem übrigen Bundesgebiet ist nicht mehr vorgesehen. Kommunikation erfolgt ausschließlich über ein kleines vergittertes Ausgabefenster bei Fulda. Weißwurstexporte bleiben nach vorheriger Desinfektion möglich. Die Einreise nach Bayern ist freiwillig, die Ausreise genehmigungspflichtig.
Am 1. September beginnen offiziell die Arbeiten am Bayerndamm. Um 6:30 Uhr setzt ein Bagger auf einem angemieteten Grundstück bei Kassel seine Schaufel an.
Um 6:34 Uhr werden die Arbeiten wieder eingestellt, da das Grundstück nur bis 6:35 Uhr angemietet wurde.
Die Ausbeute beträgt 2,8 Tonnen Erde, einen Einkaufswagen und Teile eines Glasfaserkabels. Das Material wird unverzüglich nach Köln gebracht und dort unter feierlicher Beobachtung neben den 3,5 Tonnen Wüstensand aus Dezember abgeladen.
Damit befinden sich nun insgesamt 6,3 Tonnen Substrat im Besitz des Projekts. Der Fertigstellungsgrad steigt von 0,0000029 auf 0,0000053 Prozent.
Die Projektleitung spricht vom bislang größten Baufortschritt in der Geschichte des Achtgebirges. Die vollständige Aufschüttung wird weiterhin für August 2144 erwartet. Allerdings jetzt vormittags.